Wir wollen zur Orientierung zunächst einen kurzen Überblick zur politischen Situation in Italien nach dem 2. Weltkrieg geben. Die Vorgeschichte und der Kontext sind für das Verständnis des Films wichtig, gerade weil die italienische Geschichte und die politische Situation in Italien oft den deutschen Verhältnissen ähnelt und darum die entscheidenden Differenzen leicht übersehen werden. So hat zwar auch Italien einen Faschismus an der Macht erlebt, auch Italien hat aktiv am 2. Weltkrieg teilgenommen, und auch Italien erlebte nach dem Weltkrieg erst einen Wirtschaftsboom und dann, in den 60er Jahren, einen gesellschaftlichen Auf- und Umbruch.
Aber es gibt eben aber auch entscheidende Unterschiede: Italien hat sich im Gegensatz zu Deutschland zumindest z.T. vom Faschismus selbst befreit, und wo Deutschland in einen sozialistischen Osten und einen kapitalistischen Westen aufgeteilt wurde, mussten sich in Italien die beiden großen Kräfte: zum einen die konservativ, christlich-katholischen und zum anderen die kommunistischen, sozialdemokratisch und gewerkschaftlichen, in ein und demselben Land arrangieren.
Das ging mit einer Art „historischem Kompromiss“ zwischen den beiden Kräften einher, die man sich allerdings keineswegs als zwei einheitliche Lager vorstellen darf. Aufseiten der Linken verfolgten die Kommunistische und die Sozialistische Partei Italiens zwar unmittelbar nach dem Krieg noch gemeinsam eine sowjetfreundliche Volksfrontpolitik. Allerdings spaltete sich bereits 1947 der rechte Flügel der Sozialistischen Partei ab, sodass fortan noch eine Sozialdemokratische Partei zur Kommunistischen und zur Sozialistischen Partei hinzukam. Alle drei konnten immerhin erheblichen Einfluss in vielen gesellschaftlichen Bereichen geltend machen. Die Regierungen waren allerdings meist christdemokratisch geprägt, zumindest was das nationale Parlament betrifft. Allerdings stehen aufseiten der Rechten noch mehr als aufseiten der Linken ebenso vielfältige wie unterschiedliche Kräfte: Neben den Christdemokraten, aber auch innerhalb der Christdemokratie selbst gab es unmittelbar nach dem Krieg noch starke monarchistische Tendenzen; dazu gab es bis heute durchgängig kleinere faschistische Parteien sowie als weitere wichtige Machtfaktoren die katholische Kirche, die Mafia sowie die Geheimdienste und das Militär.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zur BRD ist, dass es in Italien trotz des Faschismus noch eine weitgehend ungebrochene Arbeiter_innentradition gab, und zwar auch eine militante. Deutschland hatte vor dem Krieg ja nichts weniger die größte sozialistische Arbeiterbewegung der Welt, verbunden mit entsprechenden Erwartungen und Hoffnungen. Die sozialistischen Arbeiterbewegung mit ihren Organisationen und Parteien wurde dann durch den NS jedoch nicht einfach nur unterbrochen, sondern sie wurde einerseits zerschlagen, vertrieben und regelrecht physisch vernichtet, andererseits fand sie nach dem Krieg in der DDR eine Art „Verstaatlichung“. Was die BRD anging, so war die Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung nach dem KPD-Verbot von 1956 eigentlich so gut wie tot, und mit der 68er Bewegung wurde sie dann endgültig durch ein neues soziales Subjekt ersetzt, zunächst durch die Student_innen und dann ganz allgemein durch die sog. Neuen Sozialen Bewegungen.
In Italien spielte dagegen diese Arbeitertradition in den 50er und 60er Jahren nach wie vor eine große Rolle: Einerseits parlamentarisch, in Gestalt der starken Kommunistischen Partei, der PCI, andererseits aber auch in den Betrieben, auf der Straße und in den Vierteln der Großstädte sowie in Gestalt der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sind in Italien übrigens anders organisiert als bei uns, nämlich unabhängig von Beruf und Branche in sog. Richtungsgewerkschaften. D.h. in Italien sind es die großen Parteien sowie die Kirche, die jeweils ihre eigenen Gewerkschaften haben.

Allerdings gab es auch in Italien im Laufe der 60er Jahre, genau wie bei uns und wie überhaupt in den meisten fortgeschrittenen Industrienationen des Westens, eine Situation des Umbruchs. „Umbruch“ heißt, es fand einerseits eine Abkehr von der traditionellen Arbeiterbewegung, vom traditionellen Marxismus und von seinen wichtigsten Repräsentanten statt, also von der kommunistischen und sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften. „Umbruch“ heißt andererseits aber auch, dass auch hier in Italien, genau wie bei uns, ein neues soziales Subjekt und eine neue soziale Bewegungen auftauchten, mit neuen Formen und Feldern der politischen Auseinandersetzung.

Allerdings ist hier nun ein entscheidende Unterschied zur Situation in der BRD zu beachten: Während die Umbruchsituation der 60er Jahre bei uns studentisch geprägt ist und geradezu das endgültige Ende der traditionellen Arbeiterbewegung markiert, ging sie in Italien auch und zuerst von der Arbeiterklasse aus. Allerdings von einer neu zusammengesetzten Arbeiterklasse, in der die neue Arbeitergeneration der Nachkriegszeit aktiv war und zu der Arbeitsmigrant_innen aus dem noch agraisch geprägten Süden Italiens stießen, die damals in großer Zahl in die Industriestandorte des Nordens strömten. Mit dieser neuen Zusammensetzung gingen ein radikal verändertes Verständnis von Klassenkampf, ein anderes politisches Selbstverständnis sowie neue Formen der sozialen Auseinandersetzung einher. Zusammengefasst gab es eine ganz neue Haltung zur Arbeit, und zwar sowohl in theoretischer Hinsicht – vor allem formuliert im sog. Operaismus – als auch in praktischer Hinsicht. Oder vielmehr war dieser Operaismus selbst ebenso eine Theorie wie eine Praxis. Für diese Praxis steht in Italien die „autonomia operaia“. Autonomia operaia lässt sich nur schlecht übersetzen, es handelt sich jedenfalls um die Praxis einer Art Arbeiter_innenselbstverwaltung; ein bisschen vergleichbar mit dem Selbstverständnis der Autonomen der BRD in den 80ern. Nur dass es eben um Formen der Selbstorganisierung im Umfeld von Arbeiter_innen und ihren Kämpfen ging: Diese Kämpfe wurden nicht mehr geführt und geschult durch die große Kommunistische Partei Italiens und nicht durch die großen Gewerkschaften, stattdessen beginnt die Ära einer Selbstorganisation, in deren Zuge ganz neue Formen und Gruppen entstehen.

Der Film, den wir gleich sehen werden, handelt in der Zeit dieses großen Umbruchs, und er spielt glücklicherweise an dem Ort, an dem dieser Umbruch sich verdichtet hat wie wohl an keinem anderen Ort, nämlich in der damals größten Autofabrik Europas, bei FIAT. Diese Fabrik produzierte mehr Autos als jede andere, mehr als VW, mehr als Mercedes, und sie stand in Turin, also in einer der drei großen Industriestädte im Norden Italiens neben Mailand und Genua. Turin hatte damals über 1. Millionen Einwohner_innen und war vor allem durch den massenhaften Zuzug von Arbeitsmigrant_innen aus dem „unterentwickelten“ Süden Italiens schnell gewachsen. Um die 100.000 Menschen arbeiteten bei FIAT; dazu kamen ihre Familien sowie all die weiteren ökonomischen Bereiche einer Stadt, die letztlich fast komplett von FIAT abhing. Kurz gesagt: Turin – das war Fiat.
Ihr werdet einen Film sehen, der vor allem die Zeit vom Ende 1960er Jahre bis 1980 behandelt und der nur einen bestimmten Strang dieser Kämpfe verfolgt. Der Film begleitet diese Kämpfe in gleichsam militanter Teilnahme von ihrem Beginn über ihre Zuspitzung bis zu ihrem Niedergang; und im Zuge dieser militanten Teilnahme schildert er eine individuelle Erfahrung, die zugleich eine zutiefst kollektive Erfahrung gewesen ist.

Der Film ist aber auch interessant, wenn man berücksichtigt, was nicht zu sehen ist, was unsichtbar bleibt oder nur gelegentlich auftaucht. (Achtet z.B. auf eine Szene, in der die FIAT-Arbeiter während einer Demonstranten mit einem Studenten streiten: Das ist Adriano Sofri, einer der Gründer und Anführer von Lotta Continua, einer wichtigen militanten Gruppe jener Jahre). Die Situation damals war nämlich geradezu überkomplex: In dieser Zeit vollzog sich kein gradliniger Generationswechsel innerhalb der Linken. Vielmehr resultierte die Verdichtung der Kämpfe der 60er und 70er Jahre aus ihrer geradezu explosionsartigen Vervielfältigung, in deren Zuge eine Vielzahl ebenso neuer wie unterschiedlicher Organisationen und Formen entstanden.
Wir haben letztes Jahr mit einer 20-köpfigen Gruppe eine Bildungsfahrt gemacht, um an verschiedenen Orten die Protagonisten von damals aufzusuchen und ihre unterschiedlichen Organisationen und Kämpfe kennenzulernen. Wir haben dabei auch Leute aus den politischen Gruppen und den Kämpfen getroffen, die im Film nicht unmittelbar zu sehen sind, aber ebenfalls relevant waren, ob in der Fabrik selbst, ob an vor ihren Toren oder an ganz anderen Orten. So sehr in dem Film noch einmal der sog. fordistische Massenarbeiter des 20 Jahrhunderts auftritt, in einer gewaltigen Fabrik mit den klassischen industriellen Arbeitsabläufen, so sehr beginnt bereits hier, in der Fabrik selbst, die Vervielfältigung, Verlagerung und Dezentrierung der Kämpfe, eine Dezentrierung, die kurz darauf auch die Fabrik selbst treffen sollte, die nämlich, und damit wird der Film enden, nicht nur in andere Gegenden der Welt verlagert wird, sondern die buchstäblich wegrationalisiert sowie in einzelne Teilbereiche zerteilt und zerstreut wird.

Ihr werdet ganz am Ende aber auch denjeingen Protagonisten sehen, der diese Ära beendet hat und der auf sie gefolgt ist. Es gab nämlich bei aller Heterogenität und Komplexitität der Kämpfe einen großen Akteur, der abwesend und doch immer präsent war, in Italien ebenso wie in den anderen Ländern, die damals eine politisch bewegte Zeit durchliefen. Es ist die sog. schweigende Mehrheit, die graue Masse der politisch Inaktiven, die nur ihre Ruhe und Ordnung haben wollte und die der großartige Pier Paolo Pasolini als „hedonistischen Konsumismus“ und als „neue Form des Totalitarismus“ bezeichnete. Es ist dieser Totalitarismus des privaten Konsums und der niederen Korruptheit, der in Italien später vom Privatfernsehen übernommen und schließlich in der Ära Berlusconis enden wird. Heute erleben wir ja im Aufkommen des Rechtspopulismus eine regelrechte Aktivierung, Mobilisierung und Enthemmung dieser Bevölkerungskreise.
Doch vielleicht erzählt der Film sogar von mehr als nur der historischen Sequenz der 1960er und 70er Jahre. Vielleicht verdichtet sich in dieser Sequenz noch einmal eine ganze Ära, die Ära des gesamten industriellen Zeitalters, und der Film zeigt gleichsam stellvertretend noch einmal Aufstieg und Niedergang dieses Zeitalters und seiner Kämpfe. Er zeigt das Elend der Fabrik und den Glanz der Fabrikkämpfe, er zeigt die Stärke kollektiver Erfahrung wie ihre immanenten Schranken, und er endet mit dem Untergang und dem Verschwinden einer ganz bestimmten Kultur des Kampfes: eben der Kultur der Arbeitskämpfe rund um die Fabrik. Auch wenn der Kampf in Italien, genau wie in den anderen ehemaligen Industrienationen, weiterging: Er wurde fortan an anderen Orten geführt, mit anderen Formen und Mitteln, mit neuen Kollektiven und Akteuren. Ja, eigentlich zeigt der Film keinen Aufstieg und keinen Niedergang, sondern er zeigt genau diese Transformation: Es sind nicht mehr die Kämpfe der klassischen Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts zu sehen, es sind aber auch noch nicht die Kämpfe zu sehen, wie wir sie heute kennen.
Ich weiß nicht, wer von euch das Buch oder den Film Il Gattopardo kennt. Zumindest die Italiener_innen hier werden wissen, worum es geht: Il Gattopardo beschreibt den Untergang und den durchaus schmerzlichen Verlust des Zeitalters der Aristokratie, deren überkomme Herrschaftsweise, aber auch deren Glanz und Würde unwiederbringlich vorüber sind und die vom aufkommenden Bürgertum mit seinen kleinlichen ökonomischen Interessen ersetzt wird. Jemand hat einmal über die operaistischen Kämpfe in den 60er und 70er Jahren gesagt, dass sie ebenfalls, im Gegensatz zur klassischen sozialistischen Arbeitbewegung, eine aristokratische Haltung gegenüber der Arbeit angenommen haben. Ich denke, dass diese befremdlich anmutende Bezeichnung großartig ist: Auf ihre Weise hatten auch die Kämpfe dieser Zeit eine aristokratische Haltung und Würde. Die aristokratische Haltung lag in der ablehnende Haltung gegenüber der Arbeit, aber auch gegenüber den klassischen Repräsentationsformen der Arbeit wie der Kommunistischen Partei und den Gewerkschaften, und die Würde lag in der Autonomie und Selbstorganisation der Kämpfe, in der Selbstverständlichkeit der Kollektivität, und vielleicht lag sie auch darin, dass die Zeit für diese Formen des Kampfes unwiederbringlich vorüber und ihr Ende gekommen war, dass die nachfolgenden Generationen in Zeiten, die zwar nicht unbedingt besser, aber die doch anders und neu geworden sind, neu Formen für sich finden mussten.

Mario Tronti, der wohl entschiedendste Operaist jener Jahre, hat diese historische Sequenz, die auch für ihn unwiederbringlich vorüber ist, mit vier Begriffen auf den Punkt gebracht: „Es war eine Erfahrung, und eine Episode, und ein Bruch, und eine Revolution.“

eine Einführung von Frank Engster