Im Mai 2016 trafen wir im Rahmen einer Bildungsreise nach Turin und Mailand mit dem Istoreco Institut auf Pietro Perotti und andere Fiatarbeiter. Gemeinsam schauten wir den Film Senzachiederepermesso mit englischen Untertiteln, um unsere Bildungsreise zum Thema soziale Kämpfe im Nachkriegsitalien zu beginnen. Wir trafen auf Pietro und andere Fiatarbeiter verschiedener Generationen, um zu diskutieren. Die ersten Fragen drehten sich um das Verhältnis zur Gewerkschafts- und Parteilinie und um die Formen der Organisierung.

Der Film war damit gelungener Startpunkt einer 7- tägigen Reise hinein in die Paradoxien progressiver, sozialer Bewegungen in Italien. Wir fanden die Idee toll, den Film auch deutschsprachigem Publikum zugänglicher zu machen. Mit der Fortsetzung unserer Reise vervielfältigten sich die Fragen in dem wir auch ein Blick auf das Italien außerhalb der Fabrik zu dieser Zeit gewannen. Wir hörten von SchülerInnen, die in Folge von 1968 die Proteste zum Anlass nahmen, vor die Fabriken zu gehen um dagegen zu protestieren, dass sie für ihre Widerständigkeit in den Schulen zuhause von ihren Vätern – Fiatarbeitern – geschlagen wurden und forderten Verständnis für die Gemeinsamkeit der Kämpfe ein. Wir hörten von den massiven feministischen internationalen Organisierungen gegen Abtreibungsverbote und für eine Anerkennung reproduktiver Arbeiten. Wir stellten uns also immer wieder die Frage wo tauchen die Erinnerungen und Geschichten von Frauen in diesen Kämpfen auf? Der Anteil, der bei Fiatarbeitenden Frauen war bis Mitte der Siebziger Jahre gering aber es gab sie, und die Zahlen nahmen zu, als über anonymisierte Listen Ende der 1970er Jahre neue Arbeitskräfte und damit auch mehr Frauen bei Fiat eingestellt wurden.

WirbrauchenkeineErlaubnis kann uns vielleicht nützlich sein, um sich nicht zuletzt gemeinsam zu vergewissern, wo wir derzeit historisch gemeinsam stehen. Die belebten Fabrikgelände, die wir im Film sehen werden, sind heute verlassene Wüsten. Mit dem Film erleben wir das heranziehende Ende der fließbandgetriebenen Produktion unter kapitalistischen Kommando in Westeuropa.

In Zeiten großer technologischer Umbrüche unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ und wieder aufgeflammten Diskussionen um „Klasse“ lohnt ein Blick vorwärts in die Geschichte. Um dies kollektiv tun zu können, bestimmt Sprache auch einen Zugang. Es freut uns daher, dass es im Nachklapp zur Reise gelungen ist, den Film deutsch zu untertiteln und ihn nun für Diskussionen und Weiterbildungsformate nutzbar zu machen.

-- ein Kooperationsprojekt mit dem Istoreco Institut Reggio Emilia & mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt